Sortimentsauszug: „Kinder & Junggebliebene“

Mein diesjähriger Favorit

Das große Buch der Bilder und Wörter“ von Ole Könnecke (Hanser Verlag, ab 1 Jahr) Das liegt nicht nur an den wunderbaren Illustrationen, die den Klischees was Kleinkindern gefällt eine deutliche Absage erteilen und doch so einfühlsam auf die kindliche Wahrnehmung eingehen. Nein, hier hat ein Autor die Welt wirklich durch die Augen eines Kindes gesehen.

„Das große Buch der Bilder und Wörter“ von Ole Könnecke (Hanser Verlag, ab 1 Jahr) Das liegt nicht nur an den wunderbaren Illustrationen, die den Klischees was Kleinkindern gefällt eine deutliche Absage erteilen und doch so einfühlsam auf die kindliche Wahrnehmung eingehen. Nein, hier hat ein Autor die Welt wirklich durch die Augen eines Kindes gesehen.

Könnecke präsentiert Gegenstände nicht nur, sondern stellt die alltägliche Erfahrung in räumliche und thematische Zusammenhänge. Das Kinderzimmer, das Bad, die Wohnung, das Leben im Garten und Natur, was bewegt sich auf der Strasse? Schon Einjährige finden ihre Erlebniswelten durch diese einfühlsame Auswahl von Zeigebildern wieder. Zugleich fordert das Buch heraus Neues zu entdecken und bietet durch die klare Strukturierung die Möglichkeit Unbekanntes mühelos einzuordnen. Dabei reicht dieses Buch weit über ein erstes Bildwörterbuch hinaus. Vielmehr begleitet es Kinder auf ihrem Weg in die Welt und bietet für jede Entwicklungsstufe neue Lesarten. Nicht nur Musikinstrumente, Spiele und Sportarten, die Zahlen und sogar das Alphabet, auch viele kleine Geschichten mit allerlei Tieren sind über die Seiten verstreut. Einige Erzählungen entfalten sich sogar über die Seiten hinweg – als Erwachsener muss man also genau hinsehen. Ein Buch, das über Jahre hinweg erobert werden muss – besser geht es nicht!

Neueste Bücher

Ein Hemd des 20. Jahrhunderts

19. Juli 2013|Kommentare deaktiviert für Ein Hemd des 20. Jahrhunderts

Nea Machina – Die Kreativmaschine

19. Juli 2013|Kommentare deaktiviert für Nea Machina – Die Kreativmaschine

Moonmilk

19. Juli 2013|Kommentare deaktiviert für Moonmilk

Wintermädchen

Wintermädchen von Laurie Halse Anderson. Heftig, aufwühlend, spannend und doch so poetisch – eine dringende Empfehlung!!!
Heftig, aufwühlend, spannend und doch so poetisch – eine dringende Empfehlung!!!
„Ich spinne all die Seidenfäden meiner Geschichte und webe daraus den Stoff meiner Welt. Aus der kleinen tanzenden Elfe wurde eine Holzmarionette, an deren Fäden unachtsame Menschen zogen. Ich habe die Kontrolle verloren. Das Essen fiel mir schwer. Das Atmen fiel mir schwer. Zu leben war am schwersten.“
wintermaedchen Die 18 jährige Lia erzählt ihre Geschichte. Es ist die verzweifelte Geschichte einer jungen Frau, gefangen in ihren Ängsten, ihrer Einsamkeit und einer Hoffnungslosigkeit, die dem Leben jeden Atem raubt. Lias Lebenssinn besteht einzig darin zu gewinnen: gegen ihre Sehnsüchte, gegen die Bedürfnisse ihres Körpers und gegen Cassie, ihre beste Freundin. Wer wird das schlankeste Mädchen der Schule? 14 Jahre alt waren die beiden, als diese Wette sie in eine unaufhaltsame Spirale von Selbstzerstörung riss, die zu bremsen niemand in der Lage war. Lia ist magersüchtig. Cassies Weg war die Bulimie, die sie das Leben gekostet hat. Sie ist jämmerlich zugrunde gegangen und versuchte Lia nach einem halben Jahr Sendepause noch zu erreichen. Über 30 Anrufe waren es – Lia hat keinen einzigen entgegengenommen.

Lia fühlt sich schuldig. Lia sucht nach Erklärungen. Lia sucht einen Ausweg: „Mit 41 Kilo werde ich schweben.“ Man nimmt unmittelbar teil an einem erbarmungslosen Kampf, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. Denn die Autorin hat eine Sprache gefunden den Teufelskreis namens Magersucht so eindrücklich zu schildern, dass man Lias Zwänge vielleicht nicht rational verstehen – aber doch mitempfinden kann:

„Nur einmal abbeißen, bitte, und dann noch mal und noch mal Kruste und zerlaufener Käse mit Wurst mehr noch mehr Das Gefühl der Leere ist stark und unbesiegbar. Ich hab schon gegessen.“

Manchmal melden sich bei Lia Gefühle – Gefühle, die nicht sein dürfen: Sehnsucht, Wut, Trauer, auch der Wunsch nach Normalität versuchen sich Gehör zu verschaffen und werden von Lia in der Weise ausradiert, wie die Autorin ihre inneren Monologe mit einem Balken durchstreicht.

Lia versucht den Ansprüchen ihrer Umwelt gerecht zu werden und unterjocht sich einem Selbstbild das uns gruselig erscheint, aber von der Realität vieler Mädchen nur einen Bruchteil entfernt ist. Hier bekommt die Sprache einen nahezu bildhaften Charakter. Eindringlicher kann man die fatalen Selbstzwänge einer Magersüchtigen wohl kaum in Worte fassen:

„::dumm/hässlich/dumm/Schlampe/dumm/fett/dumm/Baby/dumm/Loser/dumm/verloren:“

So ist der Leser hautnah dabei, wenn Lia abdriftet in ein irrwitziges Szenario von einem schönen Leben durch einen besiegten Körper. Teilweise sind ihre Einsichten über ihre eigene Rolle und das Verhalten ihrer Familie jedoch wieder erschreckend klar und demaskierend. Die Eltern haben ihre gescheiterte Beziehung auf die Schultern ihrer Tochter gelegt. Sich davongestohlen und nun scheitern alle hilflosen Versuche dem Tanz der Tochter mit dem Tod Einhalt zu gebieten kläglich. Die Mutter ringt nach Worten und kann doch die Kluft zu ihrer Tochter nicht überbrücken. Der Vater ist vollkommen sprachlos und die Stiefmutter versucht vergeblich Lias Leben eine Richtung zu geben.

Lia funktioniert noch soweit sie das kann. Sie gibt die Antworten, die sie glaubt geben zu müssen. Zu ihren eigenen Bedürfnissen hat sie schon lange den Bezug verloren. „Nichts funktioniert nie funktioniert was es frisst mich einfach weiter von innen auf“

Und Cassie wird ihre wichtigste Gesprächspartnerin. Cassie der Geist, der Lia verfolgt, sie lockt: „Du bist nicht tot, aber lebendig bist du auch nicht. Du bist ein Wintermädchen, Lia-Lia. Gefangen zwischen den Welten. Du bist ein Geist mit Herzschlag. Bald wirst du die Schwelle überschreiten und bei mir sein.“

Man möchte sie allesamt wachrütteln – kann es nicht fassen wie sehr sich die Eltern, die neue Frau des Vaters und Lia immer mehr in einem Gespinst aus Angst und Verzweiflung verfangen. Die Eltern, die alle Hoffnung auf die Psychiatrie setzen. Lia, die helfende Hände zurückweist und sich in ihre eigene Welt flüchtet. Die Psychologin, die die fatale Rolle der toten Cassie nicht erkennt.

Und trotzdem oder gerade deshalb reicht dieses Buch über das Drama Magersucht weit hinaus. Lia gewährt uns einen Einblick in die fragile Welt einer jungen Frau, die nicht die Kraft findet sich in einer Patchwork Familie ihren eigenen Platz zu erobern. Überfordert, alleingelassen, wütend und einsam. Schutzlos den Ansprüchen des Erwachsenwerdens ausgeliefert. Sei intelligent, sei schön, sei nett, sei erfolgreich – all dies vermischt sich zu einem kruden Gedankengebäude, dessen Grundzüge wohl vielen Mädchen heute vertrauter sind, als wir wahrhaben wollen.

Bei mir hinterlässt dieses Buch ein Wechselbad der Gefühle. Ohnmacht und Wut angesichts der Tatsache, dass Lias Geschichte harte Realität ist. Begeisterung – anders kann ich es nicht sagen – über nahezu poetische Sätze, die ich immer und immer wieder lesen mag. Über einen Umgang mit den sprachlichen Möglichkeiten, der das, was sich in einem Buch sagen lässt, nahezu an die Grenzen des Machbaren treibt: Gedanken, die nicht sein dürfen sind durchgestrichen, panische Anfälle und zaghafte Gefühlsausbrüche in Kursivschrift gesetzt. Einschübe aus Blogs von anderen erkrankten Mädchen unterstreichen den manischen Drang sich selbst zu bestrafen – das ganze Leben unterwirft sich gezählten Kalorien.

Wintermädchen bietet viele Lesarten: es ist ein mitreißender Psychothriller, den man nicht mehr aus der Hand legt, ein Buch über das Erwachsenwerden, über Magersucht und Bulimie und über die Familie und ihre Abgründe. Selten begegnet man einer Geschichte, in der derart eindringlich die Gedankenwelt einer verlorenen jungen Frau verbalisiert wird.

Nicoletta Miller

Empfehlenswert

Lise Eliot, Wie verschieden sind sie? Über die Gehirnentwicklung von Mädchen und Jungen.
Dieses Buch sollten all jene lesen, die mit Kindern arbeiten und leben und das Buch möglichst allen in die Hände drücken, die im Bereich der Bildung etwas zu sagen haben! Denn Lise Eliot öffnet im wahrsten Sinne des Wortes Augen und damit auch viele Türen für Mädchen und Jungen. Ich weiß: 600 Seiten erscheinen sehr lang, aber sie werden kaum ein Buch finden, in dem Sie so viel über die kindliche Entwicklung erfahren und zugleich komplexe wissenschaftliche Materie so verständlich und fundiert aufbereitet wird. Noch dazu ist das Buch sehr unterhaltsam und enthält zahlreiche Anregungen für den Alltag mit Kindern.

Lise Eliot zählt zu den renommiertesten Neurobiologen weltweit, arbeitet derzeit an der Chicago Medical School und ist selbst Mutter von drei Kindern. In den letzten Jahren machten eine Reihe von wissenschaftlich sehr zweifelhaften Publikationen die Runde, die eine geschlechtliche Identität auf genetische (besonders im Trend: hormonelle) Dispositionen zurückführen. Eliot hat sich daraufhin die Frage gestellt, inwieweit die geschlechtliche Identität durch die Entwicklung und die Struktur des Gehirns bedingt ist. Was ist angeboren und was ist hausgemacht? Dazu hat sie sich durch eine Unzahl von Forschungsergebnissen der letzten 30 Jahre gearbeitet und ist einer ganzen Reihe von fragwürdigen Untersuchungen auf die Spur gekommen, die sie aufgrund ihrer Methoden und unseriösen Interpretationen kritisch hinterfragt. Neben zahlreichen Studien aus dem Bereich der Neurobiologie bezieht sie in ihre Ausführungen Forschungsergebnisse mit ein, die auf die Einflüsse von äußeren Faktoren wie soziales Umfeld/Umwelt auf die Gehirnentwicklung einwirken.

Gleiche Chancen für Jungen und Mädchen gelingen in einer Gesellschaft nur dann, wenn wir alle unsere Positionen immer wieder hinterfragen und Vorurteile nicht zulassen. Lise Eliot zeigt hier eindrücklich, wo die Biologie ihre Grenzen hat und unsere gesellschaftliche Wirkilichkeit einen viel größeren Einfluss auf die Entwicklung von kleinen Menschen hat als uns lieb sein kann. Eliot liefert so Anregungen in Hülle und Fülle, um künftige Diskussionen über die Schwierigkeiten von Jungen in der Schule in Zukunft überflüssig zu machen. Würden ihre zahlreichen Tipps und Ideen im Alltag der Pädagogen ankommen, sähe es in unseren Schulen sicherlich anders aus. Bitte lesen!