Wintermädchen von Laurie Halse Anderson. Heftig, aufwühlend, spannend und doch so poetisch – eine dringende Empfehlung!!!
Heftig, aufwühlend, spannend und doch so poetisch – eine dringende Empfehlung!!!
„Ich spinne all die Seidenfäden meiner Geschichte und webe daraus den Stoff meiner Welt. Aus der kleinen tanzenden Elfe wurde eine Holzmarionette, an deren Fäden unachtsame Menschen zogen. Ich habe die Kontrolle verloren. Das Essen fiel mir schwer. Das Atmen fiel mir schwer. Zu leben war am schwersten.“
wintermaedchen Die 18 jährige Lia erzählt ihre Geschichte. Es ist die verzweifelte Geschichte einer jungen Frau, gefangen in ihren Ängsten, ihrer Einsamkeit und einer Hoffnungslosigkeit, die dem Leben jeden Atem raubt. Lias Lebenssinn besteht einzig darin zu gewinnen: gegen ihre Sehnsüchte, gegen die Bedürfnisse ihres Körpers und gegen Cassie, ihre beste Freundin. Wer wird das schlankeste Mädchen der Schule? 14 Jahre alt waren die beiden, als diese Wette sie in eine unaufhaltsame Spirale von Selbstzerstörung riss, die zu bremsen niemand in der Lage war. Lia ist magersüchtig. Cassies Weg war die Bulimie, die sie das Leben gekostet hat. Sie ist jämmerlich zugrunde gegangen und versuchte Lia nach einem halben Jahr Sendepause noch zu erreichen. Über 30 Anrufe waren es – Lia hat keinen einzigen entgegengenommen.

Lia fühlt sich schuldig. Lia sucht nach Erklärungen. Lia sucht einen Ausweg: „Mit 41 Kilo werde ich schweben.“

Man nimmt unmittelbar teil an einem erbarmungslosen Kampf, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint. Denn die Autorin hat eine Sprache gefunden den Teufelskreis namens Magersucht so eindrücklich zu schildern, dass man Lias Zwänge vielleicht nicht rational verstehen – aber doch mitempfinden kann:

„Nur einmal abbeißen, bitte, und dann noch mal und noch mal Kruste und zerlaufener Käse mit Wurst mehr noch mehr Das Gefühl der Leere ist stark und unbesiegbar. Ich hab schon gegessen.“

Manchmal melden sich bei Lia Gefühle – Gefühle, die nicht sein dürfen: Sehnsucht, Wut, Trauer, auch der Wunsch nach Normalität versuchen sich Gehör zu verschaffen und werden von Lia in der Weise ausradiert, wie die Autorin ihre inneren Monologe mit einem Balken durchstreicht.

Lia versucht den Ansprüchen ihrer Umwelt gerecht zu werden und unterjocht sich einem Selbstbild das uns gruselig erscheint, aber von der Realität vieler Mädchen nur einen Bruchteil entfernt ist. Hier bekommt die Sprache einen nahezu bildhaften Charakter. Eindringlicher kann man die fatalen Selbstzwänge einer Magersüchtigen wohl kaum in Worte fassen:

„::dumm/hässlich/dumm/Schlampe/dumm/fett/dumm/Baby/dumm/Loser/dumm/verloren:“

So ist der Leser hautnah dabei, wenn Lia abdriftet in ein irrwitziges Szenario von einem schönen Leben durch einen besiegten Körper. Teilweise sind ihre Einsichten über ihre eigene Rolle und das Verhalten ihrer Familie jedoch wieder erschreckend klar und demaskierend. Die Eltern haben ihre gescheiterte Beziehung auf die Schultern ihrer Tochter gelegt. Sich davongestohlen und nun scheitern alle hilflosen Versuche dem Tanz der Tochter mit dem Tod Einhalt zu gebieten kläglich. Die Mutter ringt nach Worten und kann doch die Kluft zu ihrer Tochter nicht überbrücken. Der Vater ist vollkommen sprachlos und die Stiefmutter versucht vergeblich Lias Leben eine Richtung zu geben.

Lia funktioniert noch soweit sie das kann. Sie gibt die Antworten, die sie glaubt geben zu müssen. Zu ihren eigenen Bedürfnissen hat sie schon lange den Bezug verloren. „Nichts funktioniert nie funktioniert was es frisst mich einfach weiter von innen auf“

Und Cassie wird ihre wichtigste Gesprächspartnerin. Cassie der Geist, der Lia verfolgt, sie lockt: „Du bist nicht tot, aber lebendig bist du auch nicht. Du bist ein Wintermädchen, Lia-Lia. Gefangen zwischen den Welten. Du bist ein Geist mit Herzschlag. Bald wirst du die Schwelle überschreiten und bei mir sein.“

Man möchte sie allesamt wachrütteln – kann es nicht fassen wie sehr sich die Eltern, die neue Frau des Vaters und Lia immer mehr in einem Gespinst aus Angst und Verzweiflung verfangen. Die Eltern, die alle Hoffnung auf die Psychiatrie setzen. Lia, die helfende Hände zurückweist und sich in ihre eigene Welt flüchtet. Die Psychologin, die die fatale Rolle der toten Cassie nicht erkennt.

Und trotzdem oder gerade deshalb reicht dieses Buch über das Drama Magersucht weit hinaus. Lia gewährt uns einen Einblick in die fragile Welt einer jungen Frau, die nicht die Kraft findet sich in einer Patchwork Familie ihren eigenen Platz zu erobern. Überfordert, alleingelassen, wütend und einsam. Schutzlos den Ansprüchen des Erwachsenwerdens ausgeliefert. Sei intelligent, sei schön, sei nett, sei erfolgreich – all dies vermischt sich zu einem kruden Gedankengebäude, dessen Grundzüge wohl vielen Mädchen heute vertrauter sind, als wir wahrhaben wollen.

Bei mir hinterlässt dieses Buch ein Wechselbad der Gefühle. Ohnmacht und Wut angesichts der Tatsache, dass Lias Geschichte harte Realität ist. Begeisterung – anders kann ich es nicht sagen – über nahezu poetische Sätze, die ich immer und immer wieder lesen mag. Über einen Umgang mit den sprachlichen Möglichkeiten, der das, was sich in einem Buch sagen lässt, nahezu an die Grenzen des Machbaren treibt: Gedanken, die nicht sein dürfen sind durchgestrichen, panische Anfälle und zaghafte Gefühlsausbrüche in Kursivschrift gesetzt. Einschübe aus Blogs von anderen erkrankten Mädchen unterstreichen den manischen Drang sich selbst zu bestrafen – das ganze Leben unterwirft sich gezählten Kalorien.

Wintermädchen bietet viele Lesarten: es ist ein mitreißender Psychothriller, den man nicht mehr aus der Hand legt, ein Buch über das Erwachsenwerden, über Magersucht und Bulimie und über die Familie und ihre Abgründe. Selten begegnet man einer Geschichte, in der derart eindringlich die Gedankenwelt einer verlorenen jungen Frau verbalisiert wird.

Nicoletta Miller