Buchempfehlungen

“Nobody has the right to not be offended. That right doesn’t exist in any declaration I have ever read. 
If you are offended it is your problem, and frankly lots of things offend lots of people.
I can walk into a bookshop and point out a number of books that I find very unattractive in what they say. But it doesn’t occur to me to burn the bookshop down. If you don’t like a book, read another book. If you start reading a book and you decide you don’t like it, nobody is telling you to finish it. 
To read a 600-page novel and then say that it has deeply offended you: well, you have done a lot of work to be offended.” 
Salman Rushdie

MEIN FAVORIT UNTER DEN NEUERSCHEINUNGEN:

Anne Berest

Die Postkarte

Die junge Frau auf dem Cover von Anne Berests Buch „Die Postkarte“ strahlt aus sich selbst heraus. Mit einem nahezu schelmischen Lächeln blickt sie voller Gewissheit in die Zukunft: mir gehört die Welt. Bildhübsch ist sie, die dunklen Haare geflochten wie ein Krone um den Kopf gelegt. Sie sprüht vor Leben.

Ihr Name ist Noémie Rabinovitch. 

Sie wurde 1942 in Auschwitz ermordet. 

Noémies Name findet Anne Berests Mutter Lélia im Januar 2003 auf einer Postkarte inmitten der Neujahrsgrüße.

Ephraim

Emma

Noémie

Jacques

Eine Ansichtskarte der Opera Garnie.

Auf der Rückseite diese vier Namen zittrig geschrieben. Kein Absender, nichts weiter. Lélia Picabia bekommt furchtbare Angst.

„Mir selbst war die Postkarte völlig egal“, schreibt Anne Berest, die damals 24 Jahre alt war. „Die Liste der Namen dagegen ließ mich aufhorchen. Diese Menschen waren meine Vorfahren, und ich wusste nichts über sie.“ Es waren Lélias Großeltern mütterlicherseits: Ephraim und Emma Rabinovitch mit deren Kinder Noémie und Jacques. Alle 1942 in Auschwitz ermordet.

Überlebt hat einzig Myriam die älteste Tochter und Anne Berests Grossmutter. Durch „das dünne Zufallsfädchen an dem jedes Leben hängt“ wie ihre Enkelin schreibt. Myriam heiratet Vincente Lorenzo Picabia den jüngsten Sohn des Künstlers Francis Picabia und Gabrielle Buffet-Picabia. Die Schwiegermutter und die Schwägerin Geanine schmuggelten Myriam zusammen mit dem Maler Hans Arp mit einer abenteuerlichen Autofahrt in die freie Zone. Während des Vichy Regimes kämpfen die drei Frauen zusammen mit Vicente und Freunden wie Samuel Beckett in der Resistance. Lélia kommt im Dezember 1944 in Paris zur Welt. Vicente bringt sich kurz vor Lélias drittem Geburtstag um. 

Ihre Mutter Myriam breitet über das Grauen ein Tuch des Schweigens – wie so viele andere Überlebende.

Erst als Annes Tochter Clara 2018 von der Schule nach Hause kommt und Leila fragt ob sie wirklich Jüdin sei, denn in der Schule mag man Juden wohl nicht, entsinnt Berest sich dieser Postkarte und ihrer Familiengeschichte die immer nur wie ein Rauschen im Hintergrund blieb. Die Postkarte ist wie ein Fixpunkt für Anne und ihre Mutter die sich letztlich ihren Töchtern zuliebe ihren Traumen stellen. 

Nach der Lektüre dieses grandiosen Stücks Literatur weiß man, fühlt man, sieht man mehr. Ich muss mich immer wieder in die Gegenwart schütteln wenn ich an diese beeindruckende Familie denke.

Meisterhaft verwebt Berest verschiedene Genres, Zeitebenen und Erzählstimmen: Familienbiografie, Liebesroman, eine Shoa-Erzählung, Selbstreflexion, Identitätssuche und journalistische Recherche entreissen die Familie Rabinovitch dem Vergessen. Zugleich wird mir als Leserin so bitter klar, dass es damals wie heute kein Entrinnen gab und gibt: die anderen lassen dich nicht entkommen: du bist jüdisch. Egal wo man herkommt, ob man sich um Religion schert oder nicht. 

Und über allem schwebt die Frage, die leider so aktuell ist wie vor über hundert Jahren als Annes Urgroßvater Nachman ein erfolgreicher Kaufmann aus Moskau am 18. April 1919 die Familie auf der Datscha zusammenruft.

Wie erkennt man die Zeichen der Zeit? Warum sind so viele geblieben und viel zu wenige gegangen? Sind Juden in Europa heute etwa wieder in einer vergleichbar ausweglosen Situation?

Nachman fordert seine Familie auf das Land zu verlassen:  Er geht mit Esther nach Palästina und bietet an jedem eine Schiffspassage in ein neues Leben zu spendieren. Die lachen ihn aus.

Ephraim ist überzeugter religionsloser Sozialist. Nur deshalb flieht er vor einer Verhaftung in das nahe Riga. Von dort werden sie vertrieben und landen bei den Eltern in Palästina. Sie können dort nicht bleiben: es muss Paris sein. Wieder ist der Vater erfolgreich als Ingenieur – er entwickelt eine Brotbackmaschine! Und er glaubt unerschütterlich daran, dass sie eingebürgert werden als gute aufrechte Franzosen: „ Wir müssen uns für unsere Einbürgerung anstrengen“ sagt er zu seiner Frau, die noch in die Synagoge geht. „Vermeide es, mit allzu vielen Juden Umgang zu pflegen..“ (Sic!)

Man weiß die ganze Zeit, dass Myriam nach dem Krieg vergeblich warten wird… es ist kaum zu ertragen.

Mit kriminalistischem Spürsinn machen Anne und Leila sich auf die Suche nach diesem jüdisch sein und der ermordeten Familie durch das heutige und das vergangene Frankreich. 

Man kann nur erahnen wieviel Zeit Lélia, bemüht um größtmögliche Faktizität, in Archiven zugebracht haben muss. Denn Frankreich hat bis in die Gegenwart versucht die Grand Nation gut dastehen zu lassen: unfassbar, dass der überwiegende Teil der Archive des Vichy Regimes vorsätzlich vernichtet wurde! Briefe, Tagebücher, gefundene Fotos, Erinnerungen anderer Deportierter … alle Informationen müssen entdeckt und erobert werden. 

Nur zur Info: man spricht in Frankreichs Ämtern bis 1996 von „nicht Zurückgekehrten“ – als ob es nicht gewiss sei, dass nahezu alle deportierten Menschen ermordet wurden!

Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass es anderen LeserInnen anders geht als mir: Diese Familie bleibt einem. Ich habe viele Bücher von Überlebenden gelesen – jedes einzelne auf seine Art erschütternd und zutiefst verstörend. Berest lässt ihre ganze liebenswerte und außergewöhnliche Familie so lebendig werden, dass ihre Persönlichkeiten nahezu ihrem Schicksal und auch ihren Mördern ein Schnippchen schlagen. Unglaublich mutige Menschen, die mit Würde und Anstand ihr Leben gemeistert haben.

Menschen an die man sich erinnert! 

Noémie Rabinovitch mit 19 Jahren in Auschwitz ermordet wollte Schriftstellerin werden. 

Ihre Großnichten Anne Myriam Berest und Claire Noémie Berest  schließen den Kreis.

Nicoletta Miller

Dieses Buch muss jede/r der bei uns arbeitet lesen!

Sie sind es die sie auf dem Todesmarsch wie sie sagt nicht sterben lassen und mitschleppen. Am 4. Mai 1945 wird Edith von einem amerikanischen Soldaten auf einem Haufen ermordeter Menschen im Mauthausen Aussenlager Gunskirchen entdeckt. Sie überlebt und wie durch ein Wunder auch ihre ältere Schwester Magda. Sie lernt nach Kriegsende ihren Mann Béla kennen, auch ein ungarischer Jude, der überlebt hat. Schmerzlich müssen sie erkennen ihr Heimatland ist kein sicherer Ort: „Die Nazis von heute sind die Kommunisten von morgen.“ Sie planen die Ausreise nach Palästina und senden all ihr Hab und Gut in Richtung Israel. Béla Eger wird verhaftet – Edith packt die kleine grade mal 20 Monate alte Marianne und holt ihren Mann aus dem Gefängnis. Der Preis ist ihr Diamantring. In Israel ist jetzt auch Krieg, dort ist das ganze Vermögen – aber es herrscht Krieg. Edith trifft eine Entscheidung: Ich werde mit Maruschka nach Amerika gehen“ mit oder ohne Béla.

Das Land der Freiheit macht es ihnen schwer. Ohne Unterstützung schlagen sie sich durch. Unfassbar was diese Menschen geleistet haben!

Leben in einer winzigen Wohnung mit Béla´s frustriertem Bruder George und dessen Familiein Baltimore.

Sie arbeitet ohne Pause in einer Kleiderfabrik, bekommt zwei weitere Kinder Audrey und John. Béla überlebt Tuberkulose. Edith beginnt eine Ausbildung zur Logotherapeutin nach Viktor E. Frankl, der auch ein Überlebender ist. 1969 folgt der Abschluss als Psychologin in Texas. Daran anschliessend der Doktor und zahlreiche Lehraufträge. Mit 60 Jahren kehrt sie zurück nach Auschwitz um ihrem Trauma und ihren Schuldgefühlen überlebt zu haben zu begegnen.

Sie hilft schwerst traumatisierten Menschen wie Soldaten mit posttraumatischer Belastungsstörung oder Gewaltopfern. Auch an der Arbeit mit diesen Menschen lässt sie uns teilhaben und lernen.

Voller Liebe, voller Weisheit, sprühend vor Lebensfreude. Unfassbar emphatisch auch für die Mörder ihrer Familie. Es gibt sicherlich wenige Menschen, die über Freiheit für das eigene Ich so reflektiert und emphatisch und weise nicht nur sprechen sondern wirklich leben. Sie fängt immer bei sich selbst an…. Sie unterscheidet zwischen Viktimisierung und der Opferrolle. Viktimisierung kommt von außen: ein Schicksalsschlag, ein diskriminierendes Gesetz, ein gewalttätiger Ehepartner. „Das ist das Leben“.

Im Gegensatz dazu kommt die Opferrolle von innen. Niemand außer Ihnen selbst kann Sie zu einem Opfer machen.

Wir werden zum Opfer nicht durch das was passiert, sondern dann, wenn wir an unserer Viktimisierung festhalten.“ (Taschenbuchausgabe btb „In der Hölle tanzen“ S. 29) Alle reden von Resilienz und wie die Deutschen sich einrichten sollen in der „plötzlich“ nicht mehr so bequemen Welt.

Eine Holocaust Überlebende hat die Antwort!

Die Frage ist nur: wie viele wollen ihr wirklich zuhören? Denn der Weg zu einem glücklichen Dasein in der Welt verlangt nach einem raren Gut. Eigenverantwortung, Selbstkritik und Selbstdisziplin nach dem Motto:

Es gibt Dinge die kann ich nicht ändern. Aber ich habe jeden Tag die Wahl zu ändern wie ich damit umgehe.

Nicoletta Miller

 

FERIEN BEDEUTEN LESEMARATHON!

 

Georges Simenon

Ferien für mich und meinen Mann: 75 x Kommissar Maigret von Georges Simenon und es hätten gerne weitere 100 sein dürfen! Was für ein Vergnügen den Tag mit Maigret zu verbringen! Zurecht der erfolgreichste literarische Kommissar! Dennoch kommen immer wieder Menschen, die von ihm gehört oder einen Film gesehen haben – aber gelesen? Nicht nur für eingeschleifte Krimifans ein absolutes Vergnügen! Sie werden es nicht bereuen!

Nicoletta Miller

Unser nächstes Projekt für einen Lesemarathon?

Die Naturkunden von Matthes-Seitz Berlin!

Mittlerweile sind es 35 Tier- und Pflanzenportraits, die Judith Schalansky in dieser bibliophilen Reihe veröffentlicht hat. Die haptische und grafische Gestaltung sucht in der deutschen Verlagslandschaft mittlerweile wirklich seinesgleichen – kleine feine Buchpretiosen, die uns die Augen öffnen für den überwältigenden Reichtum unserer Erde.
Mutig Hechten, Kröten, Schnecken oder Fliegen ein ganzes Buch zu widmen! Jeder einzelne Titel nähert sich Flora und Fauna aus verschiedenen Perspektiven, geschrieben von kundigen Wissenschaftlern oder passionierten Naturliebhabern.
Alles drin: Biologie, Ethnologie, Kulturgeschichte, Kunst und Literatur!
Einfach fabelhaft!

Nicoletta Miller

SO VIEL GELERNT UND SO GUT UNTERHALTEN BUCH!

Tom Mustill

Die Sprache der Wale

Eine Reise in die Welt der Tierkommunikation
Rowohlt Verlag

Tom Mustill ist ein bekannter Naturfilmemacher und ausgerechnet er hat 2015 eine Begegnung der anderen Art: ein Buckelwal fiel aus dem Nichts vor der kalifornischen Küste auf sein Kajak. Wie durch ein Wunder überleben er und seine Freundin.
Mustill sucht nach diesem Wal. Was ist ihm geschehen, dass er ausgerechnet auf das Kajak fällt. Könnte man eines Tages sogar mit den riesigen Meeresbewohnern kommunizieren? Es gibt glücklicher Weise immer mehr Erkenntnisse, die uns zeigen, dass durchaus jede Spezies ihre eigene Sprache hat und wir erst am Anfang stehen die Kommunikation der Tiere zu verstehen und zu lernen wie Fremdsprachen. Wenn schon KI dann wenigstens für derartige Belange!
Meiner Meinung nach fängt aller Naturschutz und damit die Rettung unserer
Lebensgrundlage mit der Empathie für alles Lebendige an und mit Wissen und
Verstehen. Wir haben immer die Wahl miteinander oder gegeneinander. Wie soll ein Miteinander der Menschheit funktionieren wenn wir nicht in der Lage sind Flora und Fauna mit Umsicht, Respekt und Anstand zu begegnen?        All diese Fragen stellt dieses Buch mit verblüffenden Geschichten und Fakten über Sprache und Kommunikation. Eine Bereicherung auch für Familien mit Kindern – man hat so viele spannende Geschichten zu erzählen nach der Lektüre!

Nicoletta Miller

FÜR HERZ UND KOPF ZWISCHENDURCH

Wislawa Szymborską

Sie sollten dringend den Kugelschreiber wechseln

Anregungen für angehende Literaten

Ich gebe es zu: auch ich hatte die polnische Literaturnobelpreisträgerin nicht so recht auf dem Schirm. Das ist nahezu ärgerlich denn da habe ich ganz offensichtlich was verpasst!
Szymborską antwortet in der polnischen Wochenzeitschrift „Literarisches Leben“ in der Kolumne „Literarischer Briefkasten“ auf Fragen junger AutorInnen, kommentiert eingereichte Texte und gibt Tipps wie man zum Literaten wird.
Ein einziges Feuerwerk von pointierten Beobachtungen und Weisheiten. Mit Witz und Ironie, sehr kritisch und unbedingt ehrlich – zugleich voller Empathie für all jene die ihr Glück versuchen möchten in der Literatur.
Was für ein Vergnügen! Stecken sie das kleine Suhrkamp Taschenbuch in die Tasche und lesen sie wann immer sie warten! Es wird Ihn gehen wie mir: alle in der Schlange drehen sich um weil ich lauthals auflache: „All das ist wie ein Alfa Romeo, der nicht vom Fleck kommt, weil man ihm statt Benzin Hafer gegeben hat.“

Nicoletta Miller

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